Handelsblatt News

Aufstieg eines Autokraten

Ende September wollte der Chef des größten deutschen Industriekonzerns seinen Arbeitskollegen bayerische Gemütlichkeit vermitteln. Und so reisten die VW-Vorstände zum Teambuilding aufs Oktoberfest. Aber Herbert Diess wäre nicht Herbert Diess, hätte er nicht zuvor im Audi-Forum auf dem Münchener Flughafen noch eine gemeinsame Arbeitssitzung angesetzt. Erst danach ging es ins Schützenzelt auf der Theresienwiese, wo man die Herren Manager mit Bierkrug, Brezeln und Hütchen sah. Mittendrin Anführer Diess, von dem Freund wie Feind bewundernd sagen, dass er seine Empathie an- und ausknipsen könne wie andere Menschen einen Lichtschalter. An jenem Abend war Diess im On-Modus. Diess weiß: Er muss alle Register ziehen, um seine Mission zu erfüllen. Die übrigen Vorstände müssen nicht nur mit dem Kopf hinter ihrem Chef und seinem Plan stehen, sondern auch mit dem Herzen. Nur dann kann der größte Umbau gelingen, den ein deutscher Konzern je gesehen hat. Der Vorzeigebetrieb der Old Economy soll sich

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Nur für mutige Anleger

Nirgends zeigt sich so deutlich, dass an der Börse die Zukunft gehandelt wird, wie bei Autoaktien. Und das in einem Ausmaß, das übertrieben scheint. Die europäischen Autohersteller, allen voran die deutschen Großkonzerne BMW, Daimler und Volkswagen haben in den vergangenen Jahren viel Geld verdient - und dennoch sind ihre Aktien seit Mitte Januar allesamt um mehr als 20 Prozent eingebrochen. Dabei fuhren BMW, Daimler und Volkswagen im vergangenen Jahr zusammen den Rekordgewinn von 30,5 Milliarden Euro ein. Damit trugen sie fast ein Drittel zum Nettogewinn aller Aktien im Dax 30 bei. Der Elektroautopionier Tesla dagegen wird es trotz eines Minigewinns von 312 Millionen Dollar im dritten Quartal weder in diesem noch im nächsten Jahr in die schwarzen Zahlen schaffen. Die Tesla-Aktie hat jedoch seit Jahresanfang mehr als zehn Prozent zugelegt. Der Einbruch von bis zu 33 Prozent im August nach dem Hin und Her um einen Rückzug von der Börse ist zumindest teilweise wieder ausgeglichen. Mit Blick

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Bilanzieren für die Gesellschaft

Warum bilanziert ein Unternehmen jeden Schreibtisch in den Büros, jede Schraube im Materiallager, nicht aber das Wissen und Können in den Köpfen seiner Mitarbeiter? Diese Frage stellte sich vor anderthalb Jahren die "Coalition for Inclusive Capitalism", eine amerikanische Organisation, die es sich zum Ziel gesetzt hat, Kapitalismus nachhaltiger zu gestalten. An diesem Freitag wird das Ergebnis der Überlegungen auf einer Konferenz in Washington präsentiert: ein neues Konzept zur Berichterstattung über langfristige Unternehmenswerte. Mit dabei das Who's who der internationalen Investorengemeinde: Allianz, Blackrock, Barings, Calpers und Vanguard haben unterzeichnet wie auch die Industrieunternehmen BASF, Dow, Johnson & Johnson, Nestlé, Novartis, Pepsi und Unilever. Insgesamt 31 Unternehmen waren an der Entwicklung des Konzepts beteiligt, das auch ein Schritt sein soll, "das Vertrauen der Gesellschaft in die Kapitalmärkte und das Finanzsystem insgesamt wiederzugewinnen". So steht es in der

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Schenker baut den Vorstand um

Zum Jahreswechsel wird Alexander Doll, so viel ist bekannt, bei der Deutschen Bahn zusätzlich das Finanzressort übernehmen. Bis dahin aber möchte der gelernte Investmentbanker noch bei der Speditionstochter Schenker aufräumen. Nach Informationen des Handelsblatts aus Aufsichtsratskreisen von Schenker steht dem dortigen Vorstand ein umfangreicher Umbau bevor. Drei neue Manager sollen einziehen, die Führung des Logistikunternehmens wird von sechs auf sieben Posten aufgestockt. Frachtchef Ewald Kaiser wird der Vorlage zufolge das Unternehmen verlassen, Tom Schmitt, Chef der Kontraktlogistik, war bereits im Sommer gegangen. DB-Schenker-Vorstandschef Jochen Thewes genießt das Vertrauen von Doll. Erst seit April dieses Jahres bekleidet Doll den neu geschaffenen Vorstandsposten für Güterverkehr und Logistik im Konzernvorstand der Deutschen Bahn. Damit ist er für Schenker und für die Gütereisenbahn DB Cargo verantwortlich. Schenker ist mit 16,4 Milliarden Euro Umsatz, 477 Millionen Euro bereinigtem

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Sofas mit Seele

Norbert Bretz schwebt auf Wolke sieben. In grellorangefarbenem Hoodie und ebensolchen Sneakern fläzt er sich auf der opulenten Sofalandschaft "Cloud 7" - einem Bestseller aus dem Hause Bretz. "Das Sofa ist die Seele der Wohnung", philosophiert Bretz, Geschäftsführer und Mitinhaber der Polsterfirma aus Gensingen bei Mainz. Dabei streicht er über den dicken Samt. "Unsere Sofas sind Charakterköpfe, genauso wie unsere Kunden", sagt der 53-Jährige. Bretz will bunte Farben und opulente Formen in die triste Möbelwelt bringen. Mit den schlichten Sofas, die gerade en vogue sind, kann der Kreativkopf nichts anfangen. "Denen fehlt die Wärme. So sammelt sich in der Wohnung umso mehr Kitsch." Viele Ausländer seien überrascht, dass solch fröhliche Sofas aus dem eher biederen Deutschland kommen, erzählt Bretz. Mit seinen halblangen Haaren und der Nickelbrille wirkt er auf den ersten Blick wie ein ewiger Philosophie-Student - und nicht wie ein Unternehmer. Dabei hat Norbert Bretz wie sein Bruder Hartmut

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Bindung für die Besten

Statussymbole locken Timo Salzsieder eher nicht. Als Chief Information Officer zählt der 49-Jährige zu den Spitzenmanagern beim Düsseldorfer Handelsriesen Metro. Rund 2 000 Leute arbeiten in Salzsieders Bereich, den er seit März 2017 führt. Als der Topmanager im Vorstellungsgespräch gefragt wurde, ob er ein Eckbüro plus Sekretariat und einen 7er-BMW als Dienstwagen inklusive Parkplatz direkt am Zentraleingang wünsche, war seine rasche Antwort: Nein. "So etwas spielt für mich einfach keine Rolle." Und so fährt der Manager jeden Morgen mit einem Audi A4 zur Arbeit und sitzt zwischen den Kollegen im Großraum. Auch Understatement ist eben eine Form von Statement. Dass er den Job bei der Metro dennoch angenommen hat und ihn mit Leidenschaft angeht, hat mit Salzsieders Agenda zu tun - und die ist vor allem eins: voll. Als CIO muss der studierte Informatiker neue Service-Ideen entwickeln, um in der Aufholjagd mit Amazon zu punkten. Er muss die Logistik und Verwaltung in Hunderten Filialen von

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Warum Warren Buffett auf große Banken setzt

Warren Buffett ist nicht immer ein Fan der Finanzbranche. Der Star-Investor verzichtet weitgehend auf den Rat von Investmentbankern, hält Hedgefonds-Manager für überflüssig und hat eine tiefe Abneigung gegen pure Zockerei. US-Großbanken dagegen findet der Chef des Konglomerats Berkshire Hathaway schon lange gut. In der Finanzkrise war er als Retter bei der Bank of America und bei Goldman Sachs eingestiegen. Schon seit 2005 hält er Anteile an Wells Fargo. Nun hat Buffett auch bei JP Morgan Chase zugeschlagen. Im dritten Quartal kaufte Berkshire Aktien im Wert von gut vier Milliarden Dollar, wie aus einer Pflichtmitteilung an die US-Börsenaufsicht SEC hervorgeht. Die Papiere von Amerikas größter Bank stiegen am Mittwoch nachbörslich um rund 1,5 Prozent und lagen am Donnerstagmorgen ein gutes Prozent im Plus. Auch von anderen Finanzinstituten kaufte der Star-Investor nochmals Aktien. So investierte er zum ersten Mal in PNC Financial Services. Seine Anteile an Goldman Sachs baute er um knapp

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Todsünde Trägheit

Als Herbert Diess Mitte Oktober auf der zehnten Internationalen Zuliefererbörse in Wolfsburg ans Rednerpult trat, wusste er: Seine Ansprache war nicht nur an einige Keilriemenfabrikanten gerichtet. Im Publikum saßen neben den Vertretern der Zuliefererindustrie auch Topmanager und Arbeitnehmervertreter von Volkswagen selbst, ferner Politiker wie der Wolfsburger Oberbürgermeister Klaus Mohrs und der niedersächsische Ministerpräsident und VW-Aufsichtsrat Stephan Weil - beide von der SPD. Diess wusste, dass seine Attacke Wellen schlagen würde. Diess geißelte den "Feldzug gegen die individuelle Mobilität und damit gegen das Auto" und insbesondere die "beinahe hysterische Stickoxiddiskussion". Seine Rede gipfelte in einem Untergangsszenario: "Wer sich ehemalige Autohochburgen wie Detroit, Oxford-Cowley oder Turin anschaut, der weiß, was mit Städten passiert, in denen einst starke Konzerne und Leitindustrien schwächeln." Aus heutiger Sicht stünden die Chancen "vielleicht bei fünfzig zu fünfzig",

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