Handelsblatt News

Wenn Arbeit ärmer macht

Wahlkämpfer loben gern und häufig die Leistung der Bürger. Die gute wirtschaftliche Lage in Deutschland sei "vor allem Ergebnis der hohen Leistungsbereitschaft der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die den Erfolg tagtäglich erarbeiten", schreiben die Sozialdemokraten in ihrem Regierungsprogramm. Und deshalb versprechen Union und SPD Entlastungen für ebenjene Leistungsträger. "Niemand darf durch Steuern so belastet werden, dass Leistungsfähigkeit und Leistungsbereitschaft sinken", heißt es im Programm von CDU CSU. Doch tatsächlich ist das deutsche Steuer- und Sozialsystem weit davon entfernt, Leistung zu honorieren. Im Gegenteil: Sie wird mitunter vom Staat regelrecht bestraft. Das ist das Ergebnis einer Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) für die Bertelsmann Stiftung. Sie wird an diesem Donnerstag veröffentlicht und liegt dem Handelsblatt vor. Danach kann jemand, der mehr arbeitet und einen höheren Bruttolohn bekommt, am Ende netto sogar weniger in der Tasche

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Keine Angst vor Aktivisten

Die Aktivisten unter den Investoren sind auf dem Vormarsch: Sie sind heute eine etablierte Größe mit einem Asset-Volumen von über 130 Milliarden Dollar und über 400 "aktiven" Fonds. Allein 2016 wurden weltweit über 380 Kampagnen gezählt, und die Zahl der Initiativen mit einem Investitionsvolumen von über einer Milliarde Dollar steigt weiter stark an. Aktive Investoren sind weder gefährlich noch böse. Sie wollen Potenziale für Wertsteigerung freisetzen, um höhere Renditen zu erzielen. Sie gehen professionell, konstruktiv und oft nicht konfrontativ vor. Sie investieren massiv in ihre Analysefähigkeiten, arbeiten immer öfter mit klassischen Fondsmanagern zusammen und nehmen Unternehmensstruktur, Geschäftsmodell und Managementteam genau unter die Lupe. Wie sollen nun Unternehmen auf diese Welle des Aktionismus reagieren? Was tun, wenn sich ein Aktivist meldet oder sogar öffentlich eine Kampfansage macht? Drei Aspekte sind für einen nachhaltig erfolgreichen Umgang wesentlich: Unternehmen

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An der langen Leine

Im August rekelt sich ganz Italien am Strand. Nur in der Kantine von Leitner, da reicht die Schlange bis raus auf den Parkplatz. In den Sommermonaten wird jede Hand gebaucht bei dem Südtiroler Seilbahnbauer. Schließlich wollen die Skigebiete ihre neuen Anlagen pünktlich zu Winterbeginn in Betrieb nehmen. Michael Seeber und sein Sohn Anton stellen sich an diesem heißen Mittag wie selbstverständlich ganz hinten an in der Reihe der hungrigen Arbeiter. An den Beschäftigten vorbeizudrängen, das käme den Fabrikanten nie in den Sinn. Es kommt nicht mehr so häufig vor, dass Vater und Sohn gemeinsam in der Kantine essen. Vor gut einem Jahr hat Michael Seeber, 69, die Führung des Mittelständlers aus Sterzing an Sohn Anton, 44, übergeben. Und was kaum einer der 3 240 Mitarbeiter für möglich gehalten hat: Der Patriarch lässt seinem Filius weitgehend freie Hand. "Es ist kaum zu glauben, dass Seeber wirklich loslässt", sagt ein Vertrauter, der mehr als ein Jahrzehnt eng mit ihm zusammengearbeitet hat.

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Operation Ikarus

Seinen vier Kindern gab er allesamt Vornamen, die wie der eigene mit "J" beginnen. Seinen Eltern - einem Waschmittelvertreter und einer Drogistin - wollte er beweisen, dass man es trotz Studienabbruch ganz bis nach oben schafft: Es war die Eitelkeit, die Air-Berlin-Mitbegründer Joachim Hunold, 67, weit an die Spitze der deutschen Luftfahrtindustrie trieb. Und es war der Größenwahn, an dem er scheiterte. Eine "zweite Lufthansa" wollte der gebürtige Düsseldorfer bauen. So jedenfalls hatte er es auf dem Höhepunkt seines Wirkens verkündet. Am Ende erging es ihm wie dem Sagenheld Ikarus, der übermütig die Sonne ansteuerte und dadurch abstürzte. Mit dem Insolvenzantrag von Air Berlin zerplatzten am Dienstag Hunolds letzte Hoffnungen, das Lebenswerk noch retten zu können. Selbst die zwei Prozent Aktien, die er dem Vernehmen nach noch an der Airline hielt, sind seither wertlos. Der Aufstieg glich dem eines Besessenen. Zehn Jahre hatte der kumpelhafte Rheinländer ("Ich bin der Achim") in Düsseldorfer

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"Lücke zum Flächentarif schließen"

Der Chef der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG Bau) ist eines von sieben stimmberechtigten Mitgliedern der Mindestlohnkommission. Herr Feiger, die Bauwirtschaft verhandelt derzeit über Branchenmindestlöhne. Brauchen wir die noch, wo es doch den gesetzlichen Mindestlohn gibt? Auf jeden Fall. Es geht dabei nicht so sehr um eine Fallgrenze nach unten. Es geht darum, Wettbewerbsgleichheit zu schaffen, wenn europäische Unternehmen ihre Bauarbeiter nach Deutschland schicken. Wir haben immer noch rund 30 Prozent entsandte Kräfte, die meist nach dem Branchenmindestlohn bezahlt werden. Wie groß sollte der Lohnabstand des Branchenmindestlohns von der gesetzlichen Lohnuntergrenze denn mindestens sein? Für uns geht es eher darum, die Lücke vom Branchenmindestlohn zum Flächentarif zu schließen. Der Abstand des Mindestlohns für Facharbeiter zum Lohn eines Spezialfacharbeiters beträgt derzeit 4,81 Euro die Stunde. Zahlen nicht die meisten Firmen ohnehin mehr, weil sie angesichts der

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Verdienstabstände schrumpfen

Der Anfang 2015 eingeführte gesetzliche Mindestlohn hat die Spannweite von Tarifverdiensten in Niedriglohnbranchen deutlich reduziert - also den Abstand zwischen den niedrigsten und den höchsten Lohngruppen. Das zeigen Daten des Statistischen Bundesamts. In Branchen, die im Dezember 2014 noch Tarifgruppen mit Stundenentgelten unter 8,50 Euro hatten, ist die Spanne zwischen den niedrigsten und höchsten Tarifgruppen bis Juni 2017 um 5,7 Prozent kleiner geworden. Das Gastgewerbe sticht heraus, hier ist der Abstand sogar um mehr als sieben Prozent geschrumpft. Das am besten bezahlte Spitzenpersonal verdient dort nun noch gut das Doppelte der ungelernten Kräfte. Noch kleiner ist die Spanne nur am Bau. Die größten Verdienstabstände gibt es im Bereich Erziehung und Unterricht, wo in der obersten Tarifgruppe viermal mehr verdient wird als in der untersten. Tarifexperte Hagen Lesch vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW) erwartet, dass durch die abnehmende Lohnspreizung

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Gut getimte Insolvenz

Die Wortwahl ist stark, wie immer bei der irischen Billig-Fluggesellschaft Ryanair. Die Pleite von Air Berlin sei eine "künstlich erzeugte Insolvenz", wettern die Manager der Airline und wittern einen Komplott, damit Lufthansa den Rivalen übernehmen könne. Man wird sehen, ob die Beschwerde gegen die Staatshilfen für Air Berlin durchkommen wird. Zweifel sind angebracht. Denn eines steht fest: Die Insolvenz von Air Berlin ist alles andere als künstlich erzeugt. Sie war vielmehr überfällig. Ein negatives Eigenkapital, erdrückende Schulden, und das über Jahre - jedes andere Unternehmen hätte längst den schwarzen Frack anziehen müssen. Nur weil der Großaktionär Etihad immer wieder Geld zuschoss und damit für die zur Insolvenzvermeidung notwendige Liquidität sorgte, konnte die Airline weiter abheben. Funktionieren konnte das auf Dauer nicht. Und doch steckt in der Ryanair-Wetterei ein Quäntchen Wahrheit. Die Insolvenz mag zwar nicht künstlich erzeugt worden sein, ihr Zeitpunkt ist aber durchaus

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"Ein abgekartetes Spiel"

Gerade erst ist O'Leary aus seinem Urlaub in Portugal zurück, doch Gelassenheit strahlt er nicht aus. Im Gegenteil. Der Ryanair-Chef protestiert lautstark gegen den Kredit der bundeseigenen KfW-Bank für den insolventen Konkurrenten Air Berlin. Herr O'Leary, Ryanair hat Beschwerde beim Bundeskartellamt und der Europäischen Kommission eingelegt. Warum? Das ist ganz klar ein abgekartetes Spiel zwischen Lufthansa, der deutschen Bundesregierung und Etihad. Wie kommen Sie darauf? Deutschlands größte Airline übernimmt die Nummer zwei im Land. Damit wird quasi jeder Wettbewerb auf den deutschen Inlandsstrecken eliminiert. Schauen Sie sich die Marktanteile an: Lufthansa und Air Berlin kommen zusammen in Deutschland auf 95 Prozent. Bei jedem Zusammenschluss, bei dem das neue Unternehmen mehr als 50 Prozent erhält, würden die Wettbewerbsbehörden eingreifen. Deswegen treten Sie als Beschützer des deutschen Verbrauchers auf? Diejenigen, die den Verbraucher schützen sollten, machen das nicht.

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