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Chinesische Investoren: Rekordkäufe in Deutschland


Deutschland bleibt mit 37 getätigten Akquisitionen Investitionsziel Nummer Eins in Europa. | © pichetw/fotolia.com

Chinesische Investoren drängen mit Macht auf den europäischen Markt. Im ersten Halbjahr 2016 haben sie in Deutschland und in Europa jeweils so viele Akquisitionen getätigt wie im gesamten Jahr 2014 – Rekord für ein erstes Halbjahr. In Europa kauften oder beteiligten sie sich an 164 Unternehmen, in Deutschland waren es 37 Unternehmen. Damit dürfte der bisherige Ganzjahresrekord aus dem Jahr 2015 in diesem Jahr deutlich überboten werden: Im vergangenen Jahr investierten sie in 183 Unternehmen in Europa, davon 39 in Deutschland.

Das Transaktionsvolumen ist sprunghaft gestiegen und übersteigt bereits jetzt die Beträge der vorangegangenen Jahre: In Europa tätigten chinesische Unternehmen im ersten Halbjahr Zukäufe im Wert von 72,4 Mrd. USD nach einem Volumen von knapp 40 Mrd. USD im Jahr 2015. Noch deutlicher fällt der Sprung in Deutschland aus: Hier stiegen die Investitionen von 526 Mio. USD im Gesamtjahr 2015 auf 10,8 Mrd. USD in den ersten sechs Monaten dieses Jahres.

Mit 37 getätigten Akquisitionen bleibt Deutschland in Europa das bevorzugte Investitionsziel chinesischer Unternehmen. Auf dem zweiten Platz steht aktuell Frankreich mit 23 Akquisitionen nach 21 im gesamten Vorjahr und schiebt sich damit vor Großbritannien – dort haben chinesische Investoren bisher 20 mal investiert, 2015 gab es insgesamt 37 Transaktionen.

Das sind Ergebnisse einer Studie der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY, die M&A-Investitionen chinesischer Unternehmen in Deutschland und Europa untersucht.

Aktivitäten chinesischer Investoren in Europa vervielfacht 

Zum Vergleich: Im Jahr 2005 wurden gerade einmal 34 europäische Unternehmen von chinesischen Investoren gekauft, im Vorkrisenjahr 2007 führten chinesische Investoren insgesamt 51 M&A-Transaktionen in Europa durch – seitdem haben sich die Aktivitäten chinesischer Unternehmen in Europa vervielfacht.

„Chinesische Unternehmen blicken auf ihrer Suche nach Akquisitionen bereits seit geraumer Zeit intensiv auf Europa und insbesondere auf Deutschland“, beobachtet Alexander Kron, Partner bei EY und Leiter Transaction Advisory Services für Deutschland, Österreich und die Schweiz. Derzeit kämen noch zwei Entwicklungen hinzu, die das Interesse und die Summen sprunghaft ansteigen ließen: „In Europa bzw. Deutschland wollen sich derzeit viele Private-Equity-Gesellschaften von Beteiligungen trennen und stoßen bei chinesischen Investoren auf großes Interesse. Denn die suchen wiederum verstärkt nach Übernahmezielen in anderen Ländern, da das Wachstum auf dem Heimatmarkt nachlässt.“

„Mit dem verlangsamten Wachstum auf dem Heimatmarkt sehen sich die chinesischen Unternehmen gezwungen, neue Geschäftsfelder aufzubauen und sich von der Massenproduktion in Richtung Spezialisierung und Hochtechnologie zu bewegen“, ergänzt Yi Sun, Partnerin bei EY Deutschland und Leiterin der China Business Services Deutschland, Österreich und Schweiz. „Der kürzeste Weg dahin besteht in Akquisitionen ausländischer Marktführer. Ein Beispiel wäre der Hersteller einfacher Konsumgüter, der höhere Wertschöpfungsniveaus erreichen möchte – etwa als Automatisierungshersteller im Premium Segment. Auf der anderen Seite suchen zurzeit viele chinesische, lokale Private-Equity-Gesellschaften für ihre Portfolio-Unternehmen passende Übernahmeziele und fokussieren dabei erfolgreiche und innovative Unternehmen in Europa – mit dem Ziel, eine überzeugende Equity Story für einen späteren Börsengang in Hongkong bieten zu können. Auch diese Entwicklung führt zu mehr erfolgreichen Abschlüssen in Europa.“

Die Folge: China steht im ersten Halbjahr 2016 auf Platz drei der größten Investoren in Deutschland hinter den USA (64 Akquisitionen) und der Schweiz (45 Akquisitionen). 2015 lag China noch auf dem fünften Rang, 2014 auf dem sechsten Rang. Schon länger ist China der – nach den USA – zweitgrößte außereuropäische Investor in Deutschland.

Zwei der vier größten Übernahmen in Deutschland

Der mit Abstand größte Deal ist die – noch nicht abgeschlossene – Übernahme des schweizerischen Chemieunternehmens Syngenta durch Chemchina für 44 Mrd. USD. Allerdings hängt der Übernahmeprozess derzeit noch bei den US-Behörden fest, die eventuell ein Veto einlegen könnten. Auf Platz zwei steht die Übernahme des finnischen Onlinespiele-Entwicklers Supercell. Die Übernahme von 84% der Anteile lässt sich der chinesische Konzern Tencent 8,6 Mrd. USD kosten. Derzeit läuft in Deutschland außerdem die drittgrößte Übernahme ab: Der chinesische Konzern Midea bietet 115 € je Anteilsschein für den Roboterhersteller Kuka – insgesamt knapp 4,7 Mrd. USD. Und auch auf Platz vier steht ein deutsches Unternehmen: Die EEW Energy from Waste GmbH, die für 1,6 Mrd. USD an den chinesischen Investor Beijing Enterprises Holding geht.

Das Engagement in Deutschland komme nicht von ungefähr, sagt Sun. „Made in Germany hat international nach wie vor einen guten Ruf. Für chinesische Manager ist und bleibt Deutschland ein Premium-Standort. Die Deutschen haben zudem den Ruf fleißig zu sein und ihr Wort zu halten. Sie sprechen gutes Englisch – und im Vergleich zu anderen europäischen Ländern wird weniger gestreikt. Das hohe Ausbildungsniveau, die eher auf Ausgleich als auf Konfrontation setzende Kultur in Deutschland und natürlich die hohe Qualität von Forschung und Fertigung kommen bei den Chinesen gut an.“

Anders als vielfach befürchtet sei das Engagement der Chinesen in Deutschland aber keine Einbahnstraße und ausschließlich zum Vorteil des Käufers, betont Sun. „Die meisten chinesischen Investoren verfolgen einen langfristigen und strategischen Ansatz, bei dem beide – Käufer und Zielunternehmen – profitieren können. Angst vor Know-how-Abfluss müssen wir in Deutschland nicht haben: Zu den von den chinesischen bevorzugten Übernahmezielen in Deutschland zählen vorwiegend Hochtechnologie-Unternehmen, bei denen eine Standortverlagerung unmöglich ist, weil sehr viel Know-how hinter dem gesamten Produktions-, Logistik-, Management-, und IT-Prozess steckt. Zusätzlich braucht man hochqualifizierte Mitarbeiter, die in der Anzahl in China nicht vorhanden sind. Die Zeiten, in denen hier ein Stahlwerk abgebaut und in China wieder aufgebaut wurde, sind längst vorbei.“ Und auch Sorgen um einen Arbeitsplatzabbau seien unbegründet. „Im Gegenteil: Tendenziell bauen sie eher zusätzlich zu den hiesigen Produktionskapazitäten ein Werk in China auf. Und vielerorts, wo Unternehmen von der Insolvenz bedroht sind, sind die investierenden Chinesen sogar diejenigen, die die Arbeitsplätze erst retten.“

Die meisten Übernahmen betreffen Industrieunternehmen

Besonders im Fokus stehen für die Investoren aus Fernost Industrieunternehmen. 17 der 37 hierzulande getätigten Akquisitionen betrafen Industrieunternehmen, von den 164 in Europa getätigten Zukäufen betrafen 45 Industrieunternehmen. In Deutschland waren außerdem der Energiesektor (7 Zukäufe) und der Medizin-/ Health-Care-Sektor (4 Zukäufe) begehrt. Europaweit kauften Chinesen vor allem Technologieunternehmen (24) und Energieunternehmen (17).

„Das starke Interesse der Chinesen an Industrieunternehmen kommt vor allem Deutschland zugute. Anders als in anderen Ländern kam es hier nie zur Deindustrialisierung. Die deutsche Industrie ist heute stark und attraktiv wie nirgendwo sonst in Europa“, sagt Kron.

Er rechnet damit, dass in diesem Jahr noch einige bekannte Unternehmen von chinesischen Firmen übernommen werden. „Deutschland verfügt über viele interessante Targets.“ Das Interesse richte sich nicht nur auf die Technologie- und Maschinenbauunternehmen, sondern inzwischen auch auf andere Bereiche: „Auch Kliniken, Altenheime, Pharma- oder Biotechnologieunternehmen sind zuletzt in den Fokus chinesischer Investoren geraten.“

„Wir haben zurzeit ein paar große Projekte in der Pipeline. Das heißt, dass wir noch in diesem Jahr einige bekannte Namen hören werden, die in chinesische Händen gehen werden.“ fügt Sun hinzu.

Weitere Informationen finden Sie hier.

(Pressemitteilung EY vom 14.07.2016)


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