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Corona-Kreditvergabe: Zu wenig Hilfe für den Mittelstand


Eine repräsentative Studie des Berliner FinTechs FinCompare mit Barkow Consulting liefert erschreckende Zahlen: Die Corona-Hilfen kommen nicht im Mittelstand an. | © Zerbor / fotolia.com

In Deutschland gibt es rund 7,5 Mio. Unternehmer (KMU: 3,5 Mio., Selbstständige: 4 Mio.). Sie bilden das Herzstück der deutschen Wirtschaft und sind von der Corona-Krise am stärksten betroffen. Die Bundesregierung hat mit den Krediten der Corona-Hilfe, die über die bundeseigene Förderbank KfW ausgegeben werden, große Hilfsprogramme aufgelegt. Erstmals hat jetzt eine Studie die Corona-Kreditvergabe eingehend analysiert und kommt zu einem eindeutigen Ergebnis: Die Hilfe kommt nicht dort an, wo sie benötigt wird. Nur etwa jeder hundertste Unternehmer in Deutschland hat Corona-Kredite beantragt. Knapp neun von zehn Unternehmer sind von den Schnellkrediten, die besonders unbürokratisch an den Mittelstand verteilt werden sollten, komplett ausgeschlossen. Das sind die Ergebnisse einer Analyse von Barkow Consulting und FinCompare.

Für die Liquiditätssicherung von Unternehmern sind insbesondere die Corona-Kredite der KfW, die Mitte März von der Bundesregierung auf den Weg gebracht wurden, von entscheidender Bedeutung. Die KfW übernimmt hier einen Großteil des Kreditrisikos, die Anträge laufen über die Geschäftsbanken. Obwohl die absolute Anzahl von knapp 80.000 Corona-Kreditanträgen (Stichtag 31.07.2020) und mehr als 52 Mrd. € beantragtes Kreditvolumen in wenig mehr als vier Monaten auf den ersten Blick beeindruckt, relativiert sie sich jedoch schnell bei genauerer Analyse: So hat laut der Studie bundesweit mit 1,01% bislang nur jeder hundertste Unternehmer einen entsprechenden Antrag auf Kredite der Corona-Hilfe über die KfW gestellt.

Erkenntnis 1: Bedarf an Liquidität vorhanden, relative Zahl der Anträge verschwindend gering

Die bürokratischen Hürden sind eine Katastrophe, sie sind der Grund, warum nur 1% der Unternehmer die Corona-Kredite beantragt haben, erklären die Studienautoren. In Gesprächen mit Unternehmern sei zu spüren, dass der Bedarf an Fördermitteln massiv vorhanden ist, die Politik aber nicht gelernt hat, dem Mittelstand die richtigen Hilfen bereitzustellen. Anfang April hat die Bundesregierung das Corona-Kreditprogramm um ein weiteres Instrument ergänzt: Den KfW-Schnellkredit. Hier übernimmt die KfW das vollständige Ausfallrisiko und die Hausbank führt nur eine vereinfachte Prüfung durch. Begründet wurde die Einführung der Schnellkredite mit der Notwendigkeit, dem Mittelstand zu schneller Liquidität zu verhelfen.

Erkenntnis 2: Knapp neun von zehn Unternehmer sind von den Schnellkrediten ausgeschlossen

Das uneingeschränkt sinnvolle Ziel, 99,5% der deutschen Unternehmer des Mittelstandes schnell und unbürokratisch zu unterstützen, läuft in der Praxis allerdings fast vollständig ins Leere, so die Autoren der Studie. Dies lasse sich auf eine Begrenzung des Corona-Schnellkredits auf Unternehmen und Selbstständige mit mehr als zehn Arbeitnehmern zurückführen, denn knapp 90% der deutschen Unternehmen und Selbständigen erfüllen dieses Kriterium eben gerade nicht. Sie seien damit faktisch von dem Kreditprogramm ausgeschlossen, das genau für sie bestimmt sein sollte. Von den 7,5 Mio. Unternehmern in Deutschland haben 6,6 Mio. (88%) nicht mehr als zehn Mitarbeiter. Obwohl diese Kleinunternehmer von den Schnellkrediten ausgeschlossen sind, konnte hier der Studie zufolge die Anzahl der Kreditanträge innerhalb eines Monats (Juni auf Juli 2020) um 14% zulegen. Das Wachstum für kleinere Kredite (bis 800.000 €) betrug 15%, während sich die Wachstumsdynamik von größeren Krediten in diesem Zeitraum deutlich abschwächte, so die Analyse.

Der Bedarf gerade an Schnellkrediten ist da, die Nachfrage steigt, aber zu viele Unternehmer sind ausgeschlossen. Die Bundesregierung ist insofern aufgerufen, bei den Schnellkrediten im Zusammenspiel mit anderen Fördermitteln noch mal nach zu justieren, fordern die Studienautoren. Zusätzlich würden sie es begrüßen, wenn die Bundesregierung die Vorzüge der Digitalisierung bei der Verteilung von Fördermitteln stärker in den Vordergrund stelle. Die Autoren der Studie sind sich sicher, dass damit mehr Unternehmen geholfen werden könnte und sich vor allem die Bearbeitungszeit reduzieren würde.

Erkenntnis 3: Regionale Unterschiede bei der Zahl der Anträge

Die Nachfrage nach Corona-Krediten der KfW ist regional sehr unterschiedlich und zeigt der Studie zufolge ein Ost-West-Gefälle. Die relativ höchste Nachfrage nach Corona-Krediten kommt aus Rheinland-Pfalz, wo 1,35% aller Unternehmer einen entsprechenden Antrag gestellt haben. Danach folgen Nordrhein-Westfalen (1,29%) und das Saarland (1,27%), die damit noch deutlich über dem Bundesdurchschnitt von 1,01% liegen. Die geringste Nachfrage komme aktuell aus Sachsen, wo mit 0,50% nur jeder 200. Unternehmer einen Corona-Kredit beantragt hat. Danach folgen Brandenburg (0,66%) und Sachsen-Anhalt (0,76%).

Das Berliner FinTech FinCompare und das Research-, Analyse- und Beratungshaus Barkow Consulting appellieren deshalb an Peter Altmaier und Olaf Scholz, ihr Versprechen einzulösen: 99,5% der Unternehmer, die dem Mittelstand zuzurechnen sind, mit Schnellkrediten und weiteren Hilfsprogrammen unbürokratisch zu helfen. Werden diese Hilfen nicht sofort wirksam umgesetzt, wird es in diesem Jahr eine dramatische Insolvenzwelle in Deutschland geben, so das Fazit der Studienautoren.

(Pressemitteilung FinCompare und Barkow Consulting vom 11.08.2020)


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