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Die meisten Übernahmen rechnen sich nicht


DIe Boston Consulting Group kam nach einer Analyse von 19.000 Unternehmen zum Ergebnis: Mehr als die Hälfte aller Unternehmenskäufe vernichten Wert. | © designer49/fotolia.com

In starken Börsenzeiten wie derzeit an der Wall Street zahlen Firmen oft zu viel. Dann bricht ihr Aktienkurs ein – wie bei Bayer.

Der Pharmakonzern Bayer war mehr als ein Jahr lang Deutschlands wertvollster Konzern. Davon ist nichts geblieben. SAP, Siemens und die Deutsche Telekom sind wertvoller – ohne dass ihre Aktienkurse zuletzt nennenswert gestiegen sind. Bayers Problem: Die Spekulationen um eine Übernahme des Agrar- und Biotechnologie-Spezialisten Monsanto und das konkrete Übernahmeangebot in Höhe von 62,7 Mrd. USD zu Wochenbeginn haben die Aktie um gut 16% verbilligt. Kein anderer DAX-Wert hat in so kurzer Zeit so viel verloren.

Reagieren Anleger panisch, weil sie sich nicht vorstellen mögen, dass sich ihr Liebling ausgerechnet mit einem Konzern fusioniert, der sich auf umweltfeindliche Pestizide und in Deutschland kaum vermittelbares genverändertes Saatgut spezialisiert hat? Keineswegs. Anleger spiegeln mit ihren Verkäufen vielmehr die allzu häufige Realität nach vergangenen Großübernahmen wider.

„Die Mehrheit aller Unternehmensübernahmen und -fusionen scheitert“, urteilt der Wirtschaftsprofessor Lars Schweizer von der Goethe-Universität Frankfurt. Je nach Herangehensweise und verschiedenen Messmethoden ließen sich sogar Misserfolgsquoten von bis zu 70% ermitteln.

Auch die Boston Consulting Group (BCG) kam nach einer Analyse von 19.000 Unternehmen zum Ergebnis: Mehr als die Hälfte aller Unternehmenskäufe vernichten Wert. Das Handelsblatt hatte in der Vergangenheit die weltweit größten Deals unter die Lupe genommen. Das Fazit lautete auch hier: Die Mehrheit der Unternehmen erzielte vor der Übernahme höhere Gewinnsteigerungen, sie arbeitete profitabler, und sie erhöhte ihren Börsenwert stärker als nach einer Übernahme.

Insbesondere Deutsche Unternehmen betroffen

Dieser Trend gilt vor allem, wenn deutsche Unternehmen amerikanische Konzerne kaufen – und erst recht, wenn sie diese Firmen ausgerechnet in Börsenboom-Zeiten teuer erwerben. Ausgerechnet dann häuft sich immer wieder die Zahl an Übernahmen, wie die Boomjahre 1999, 2007 und zuletzt 2015 bewiesen. Für mehr als fünf Billionen Dollar haben Unternehmen im vergangenen Jahr andere Firmen gekauft. Das war so viel wie noch nie und waren fast 1,5 Billionen mehr als 2014.

„Durch die oftmals hohe Aktienkursbewertung sind die Unternehmen aber auf Wachstum angewiesen“, analysierte Dirk Albersmeier, Co-Chef M&A für das Europa-Geschäft bei der Investmentbank JP Morgan. „Wer diese Erwartungen nicht erfüllen kann, muss verstärkt auf intelligente Übernahmen setzen.“

Ansonsten droht Wertverlust. So wie nach Daimlers „Hochzeit im Himmel“ mit Chrysler. Konzernchef Jürgen Schrempp bezahlte 1998 für den maroden US-Hersteller 43 Mrd. USD. Noch mehr Geld, 50 Mrd. USD, gaben die Deutsche Telekom und Konzernchef Ron Sommer im Euphoriejahr 2000 für Voicestream aus. Es ist bislang immer noch die teuerste transatlantische Übernahme.

Boomzeit an der Börse sorgt für hohe Preise

Und auch jetzt ist wieder Boomzeit: Amerikas Börse, wo Monsanto beheimatet ist, notiert derzeit nur wenige Prozentpunkte unter ihrem Allzeithoch. Das macht Aktien teuer – und damit auch Übernahmen. Denn ihr Preis orientiert sich üblicherweise an der aktuellen Börsenbewertung.

Hinzu kommt, dass Bayer bereit ist, für Monsanto einen stolzen Aufpreis von 37% zu bezahlen – gemessen am Schlusskurs vom 9. Mai, also vor Bekanntwerden der ersten Spekulationen. Gegenüber dem Durchschnittskurs der vergangenen drei Monate liegt der Aufpreis bei 36%. Derart hohe Prämien sind typisch für starke Börsenzeiten – auch wenn die Deals nicht immer scheitern.

Beispiel Linde: Der Gasehersteller zahlte 2006, also ein Jahr vor dem Rekordhoch im DAX, eine Prämie von 36% für den britischen Wettbewerber BOC. Bayer ließ sich Schering, ebenfalls im Jahr 2006, eine Prämie von 33% kosten.

Umgekehrt zahlen Unternehmen in schlechten Börsenzeiten, so wie zuletzt 2009 und 2002, niedrige Aufpreise auf ohnehin schon stark im Kurs gefallene und demzufolge niedrig bewertete Unternehmen.

Beispiel Henkel: Der Düsseldorfer Markenartikler bot 2003 für den amerikanischen Waschmittelproduzenten Dial nur einen Aufpreis von zehn Prozent – und erreichte damit sein Ziel. Übernahmen in schlechten Zeiten, so wie 2002/03, sind aber sehr selten, weil sich kaum jemand einen Milliardendeal zutraut. Auf Dauer betrachtet rechnen sich aber genau solche Übernahmen. Das beweist Henkel seit Jahren mit steigenden Umsätzen, Gewinnen, Renditen – und Aktienkursen.

(Quelle: Handelsblatt vom 25.05.2016)


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