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Höhere Anforderungen bei steigendem Risiko: Deutsche Aufsichtsräte müssen mehr leisten


Die zeitliche und inhaltliche Beanspruchung durch übernommene Aufsichtsratsmandate ist deutlich angestiegen. Dabei spielt die Digitalisierung eine wichtige Rolle. Gleichzeitig führen große Unternehmensskandale vor Augen, dass die Haftungsrisiken für Aufsichtsräte bei Pflichtverletzungen mindestens ebenso stark zugenommen haben. | © Robert Kneschke / fotolia.com

Das beherrschende Thema der vergangenen Jahre in den Aufsichtsräten war die seit 2016 gesetzlich vorgeschriebene Frauenquote. Das Executive-Search- und Leadership-Advisory-Unternehmen Spencer Stuart analysiert mit dem „Board Index“ wie sich die Aufsichtsratsarbeit und die Governance in relevanten Unternehmen verändert und weiterentwickelt.

Dazu untersucht Spencer Stuart weltweit und in Deutschland alle DAX-30-Unternehmen sowie 38 Unternehmen aus M-DAX, S-DAX und Tec-DAX nach fest definierten Kriterien. Aktuell zeigt sich: Bei der Erfüllung der Frauenquote sind die Unternehmen im Vergleich zu 2018 nochmals einen Schritt vorangekommen. Insgesamt stieg der Anteil von Frauen von 32% auf 35% aller Mandate weiter an. Damit erfüllen mittlerweile 90% der Unternehmen die gesetzliche Vorgabe.

Nur wenige Frauen sitzen dem Aufsichtsrat vor

Trotz dieser erfreulichen Entwicklung dominieren weiterhin eindeutig Männer die deutschen Aufsichtsgremien. Nur bei wenigen Unternehmen sind mehr Frauen im Aufsichtsrat als das Gesetz vorschreibt. Unter den untersuchten Unternehmen befinden sich zudem nur fünf mit einer Frau an der Aufsichtsratsspitze. Die gesetzliche Frauenquote hat sich bei der Wahl des Aufsichtsratsvorsitzenden noch nicht stark ausgewirkt, stellen die Studienautoren fest. Sie gehen aber davon aus, dass sich dies in den kommenden Jahren mit der wachsenden Erfahrung weiblicher Aufsichtsräte ändern wird. Immerhin sei die Zahl der weiblichen Vorsitzenden im Vergleich zu 2018 bereits von drei auf fünf angestiegen, so der Spencer Stuart Board Index Deutschland. Mehr als ein Drittel der Aufsichtsräte (35%) sind mittlerweile Frauen, die gesetzlich vorgeschriebene Frauenquote wird weitgehend erfüllt. Im DAX-30 hat mit Henkel nur ein Unternehmen eine Frau an der Spitze des Aufsichtsgremiums.

Weniger Mitglieder, mehr Sitzungen und Ausschüsse

Gleichzeitig sind insbesondere im längerfristigen Vergleich die Kontrollpflichten und Anforderungen an die Aufsichtsräte substanziell angestiegen, erklären die Autoren der Studie. Das lasse sich zum einen mit der Zahl der jährlichen Sitzungen belegen, die sich von durchschnittlich 4,6 in 2008 auf 7,1 in 2020 deutlich erhöht hat. Gleichzeitig habe sich die Größe der Aufsichtsräte seit 2010 von durchschnittlich 16 Personen auf 14 verringert. Die Kontrollarbeit verteile sich also auf weniger Schultern. Und sie ist nicht geringer oder weniger anspruchsvoll geworden – ganz im Gegenteil. Es sind zahlreiche regelmäßige Treffen in verschiedenen Ausschüssen dazugekommen. Praktisch alle Unternehmen haben Sonderausschüsse eingeführt, im Schnitt sind es vier mit unterschiedlichen Funktionen und Sitzungszyklen, so die Analyse. So erfordere etwa die Arbeit im Prüfungsausschuss, der den Jahresabschluss prüft sowie interne und externe Prüfungsberichte im Detail mit den Prüfern bespricht und für das Plenum fundiert vorbereitet, besondere Kenntnisse in Bilanzierungs- und Finanzfragen. Dringend geboten ist laut der Studie auch Branchen-/Sektor-Expertise.

Für einen Prüfungsausschuss stellen 97% der Aufsichtsräte Mitglieder ab. Ein Risiko-Komitee findet sich dagegen nur bei 7% der Unternehmen, und das sind ausnahmslos Finanzinstitute, die laut Kreditwesengesetz dazu verpflichtet sind. Fast die Hälfte aller untersuchten Unternehmen diskutiert zudem im Aufsichtsrat regelmäßig die Unternehmensstrategie, vor sechs Jahren waren solche Strategie-Meetings erst bei jedem dritten Unternehmen üblich.

Gremien werden digitaler

Um geeignete Aufsichtsräte zu finden, haben der Untersuchung zufolge mittlerweile 93% der Unternehmen ein Anforderungsprofil für Aufsichtsräte veröffentlicht. Management-Erfahrung bleibt eine entscheidende Voraussetzung für die Berufung. Diese bringen immerhin 75% der Anteilseignervertreter im Aufsichtsrat mit. Daneben spielt laut der Studienautoren Erfahrung in Finanz-Fragen eine herausragende Rolle, 56% erfüllen diese Anforderung, ein Anstieg im Vergleich zum Vorjahr mit 49%. Dagegen ging der Anteil der Aufsichtsräte, die über Branchenerfahrung verfügen, um zwei Prozentpunkte auf 41% leicht zurück. Technologie- beziehungsweise Digitalkompetenz ist weiterhin gesucht. Mittlerweile erfüllt nahezu ein Drittel der Aufsichtsräte diese wichtige Anforderung. Die Digitalstrategie nicht nur zu verstehen, sondern sie kompetent zu hinterfragen und im Vergleich zu Wettbewerbern einzuordnen und zu bewerten – das wird eine immer wichtigere Aufgabe des Aufsichtsrats, stellen die Autoren der Studie fest.

Unternehmens- und Bilanzskandale verdeutlichen die Haftungsrisiken für Aufsichtsräte

Wie wichtig es ist, die Kontrollaufgabe gegenüber dem Vorstand sehr ernst zu nehmen, zeigen jüngste Ereignisse in Deutschland. Kommt es zu Unternehmensskandalen mit Bilanzfälschungen und sogar mutmaßlich kriminellen Handlungen von Vorständen, dann stellt sich schnell die Frage nach einer möglichen Mitverantwortung oder gar einer schuldhaften Pflichtverletzung der Aufsichtsräte. Jeder einzelne Aufsichtsrat muss sich darüber im Klaren sein, dass es seine Aufgabe ist, den Vorstand zu beraten und zu kontrollieren, das interne Kontrollsystem zu prüfen, die Zahlen und die Strategie konstruktiv kritisch zu hinterfragen, um sich ein umfassendes und differenziertes Bild von der Lage Im Unternehmen zu verschaffen, merken die Autoren an. Vor diesem Hintergrund sei es erstaunlich, dass zwar alle Aufsichtsgremien im Board Index ihre Arbeit in der Regel einmal jährlich evaluieren lassen, aber nur 13% einen solchen Board Review von externen Experten durchführen lassen. Externe Spezialisten könnten hier einen wichtigen Beitrag leisten, Defizite in der Kontrolle zu identifizieren und einen kritischen Blick auf die Qualität der Arbeit des Aufsichtsrats zu entwickeln, so die Empfehlung der Studienautoren.

Zu folgenden ausgewählten Themen stehen weitere detaillierte Informationen im Board Index 2020 Deutschland zur Verfügung:

  • Aufsichtsratsvergütung: Der starke Anstieg der Vorjahre ist abgeflacht.
  • Anteil ausländischer Mitglieder im Aufsichtsrat: Steigt weiter an, bleibt aber sehr heterogen, Spanne reicht von null bis zu 30% auf der Anteilseignerseite
  • Alter und Amtszeit von Aufsichtsräten: Immer mehr Unternehmen führen Altersobergrenzen ein.
  • Ehemalige Mitglieder des Vorstands im Aufsichtsrat: Sind zumindest im Dax nicht mehr so häufig vertreten wie früher.
  • Aufsichtsratsvorsitzender: Ist im Durchschnitt 65 Jahre alt, aber mit großer Streuung.

Den gesamten Spencer Stuart Board Index 2020 Deutschland finden Sie als Online-Version hier.

(Pressemitteilung Spencer Stuart vom 13.01.2021)


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