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Hohe Fluktuation und überhastete Entscheidungen: Chef-Wechsel in der deutschen Wirtschaft nehmen zu


Deutschlands Unternehmen haben ein Chefproblem: Fast die Hälfte der größten Börsenkonzerne und Familienunternehmen hat sich im vergangenen Jahrzehnt mindestens einmal von ihrem Vorstandsvorsitzenden getrennt. | © cirquedesprit/fotolia.com

Vielen großen Unternehmen in Deutschland fällt es zunehmend schwer, die CEO-Nachfolge optimal zu regeln. Das ist das Ergebnis einer Studie des Leadership-Advisory-Unternehmens Egon Zehnder, das zwischen 2010 und 2020 die Besetzungen von CEO-Posten analysiert hat. Demnach haben sich im vergangenen Jahrzehnt 43% der 229 untersuchten Unternehmen mindestens einmal plötzlich von ihrem Vorstandsvorsitzenden getrennt. Zudem ist die Verweildauer der Vorstandsvorsitzenden im gleichen Zeitraum deutlich gesunken. CEOs, die im Jahr 2010 angetreten sind, blieben zu 86% mindestens fünf Jahre im Amt. Von den Besetzungen im Jahr 2015 behielten demgegenüber nur 50% bis 2020 ihre Position. Unabhängig vom Eintrittszeitpunkt betrachtet liegt die Amtszeit aller aktiven CEOs im Schnitt bei 7,2 Jahren.

Wer im letzten Jahrzehnt als CEO ernannt wurde, musste seien Posten oftmals schon früh wieder räumen, stellen die Studienautoren fest. Das lasse auf Mängel im Nachfolgeprozess schließen. Offenbar stellten viele Unternehmen und CEOs erst im Nachhinein fest, dass sie nicht zueinander passen. Die Zahlen lassen vermuten, dass auch die Pandemie diese Entwicklung nicht verändert hat. Das Anraten der Experten: Gute Nachfolgeprozesse beginnen heute bereits mit der Amtsübernahme – nicht erst kurz vor Toresschluss. Sie beziehen interne Kandidaten ebenso ein wie externe Lösungen.

Hohe Fluktuation in Unternehmen der Tech- und der Kommunikationsbranche

Besonders hoch ist die Fluktuation laut der Analyse in Unternehmen der Tech- und der Kommunikationsbranche. Knapp die Hälfte besetzte den Chefsessel zwischen 2010 und 2020 mindestens dreimal. Bei den Finanzdienstleistern ist zwar die Wechselrate nicht ganz so hoch. Alle Unternehmen dieser Branche haben seit 2010 aber mindestens einmal die oder den CEO ausgetauscht. Die größte Kontinuität stellte Egon Zehnder im Consumer-Sektor fest. Bei einem Drittel der Unternehmen blieb es im Untersuchungsjahrzehnt bei einem CEO. Die Hälfte hat den Posten einmal neu besetzt.

In der Covid-19-Pandemie setzen die Unternehmen auf Kontinuität

Einen signifikanten Anstieg bei den CEO-Wechseln beobachten die Studienautoren 2018 und 2019. In diesen Jahren traten 39 respektive 41 neue CEOs ihr Amt an. Gedämpft wurde die Entwicklung 2020 von Covid-19. In der Pandemie setzten die meisten Unternehmen auf Kontinuität und wagten insgesamt lediglich 21 Wechsel. Nach Einschätzung der Experten wird sich der Trend aber bald fortsetzen, die Unternehmensstrategie mit neuen Köpfen umzusetzen. Als Grund dafür wird vermutet, dass der Typus des autarken, eisernen Machers ausgedient hat. Die hyperkomplex gewordene Welt verlange nach Teamspielern, die allen Stakeholdern zuhören, die neugierig bleiben und sich selbst und das Business rasant adaptieren. Die neue Generation von CEOs habe erkannt, dass moderne Führung Zusammenspiel bedeutet. Sie sei reflektierter, demütiger und in der Regel etwas jünger als noch die Generationen zuvor, so die Ergebnisse der Studie. Um die Herausforderungen ihrer Zeit zu meistern, meinen 97% aller befragten CEOs, müssen sie nicht nur ihr Unternehmen verändern, sondern auch sich selbst.

Nur 3% aller Vorstandsvorsitzenden sind Frauen

Diese Veränderungen in der Führung werden in Zukunft mutigere Personalentscheidungen befördern, prognostizieren die Studienautoren. Noch stamme nur jeder fünfte CEO aus dem Ausland. Nur 3% aller Vorstandsvorsitzenden sind Frauen. Und auf jede vierte freiwerdende CEO-Position rückt ein bisheriges Vorstandsmitglied auf, so die Analyse. Dieser Automatismus stehe der Erneuerung oftmals im Weg und zeigt in der Studie erste Risse. Unternehmen neigten zunehmend dazu, die richtige Persönlichkeit extern zu suchen, wenngleich Insider-Besetzungen bislang noch die Regel bilden. Die Verweildauer externer CEOs untermauert allerdings die These, dass die großen deutschen Unternehmen ihre Nachfolgeprozesse schärfen müssten. CEOs von außen waren zum Stichtag der Betrachtung im Dezember 2020 durchschnittlich rund 2,8 Jahre kürzer im Amt als Eigengewächse – eine Entwicklung, die in den letzten Jahren in der Tendenz zugenommen hat. Ebenso gestiegen ist der Altersunterschied zwischen internen und externen Nachfolgern. Waren externe CEOs bei ihrer Benennung im Jahr 2017 ein Jahr älter als Insider, hat sich der Altersunterschied bei der Besetzung bis 2020 bereits auf 4,3 Jahre erhöht. Eigengewächse starten in der Regel mit einem Vertrauensvorschuss in die CEO-Position – bei Externen liegt die Messlatte meist höher, interpretieren die Studienautoren die Zahlen. Frischer Wind sei überlebenswichtig. Die Analyse zeige, dass die Unternehmen ihn bisher nicht immer sinnvoll zu nutzen wissen.

(Pressemitteilung Egon Zehnder vom 13.11.2021)


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