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Mangel an Fachkräften bremst wirtschaftliches Wachstum in Deutschland


Ob auf dem Bau oder im Maschinenbau: Viele Unternehmen finden kaum noch qualifizierte Mitarbeiter. Das ist ein Problem für die Digitalisierung und den Kampf gegen Klimawandel, warnt der DIHK im aktuellen Fachkräftereport. Die Personalengpässe kosten schon jetzt Milliarden an Wertschöpfung. | © Robert Kneschke / fotolia.com

Mehr als die Hälfte der Unternehmen können derzeit offene Stellen zumindest vorübergehend nicht besetzen – spürbar mehr als ohnehin schon vor Ausbruch der Corona-Krise. Lockdowns und Kurzarbeit haben den Fachkräftemangel nur zeitweise in den Hintergrund gedrängt. Der Fachkräftereport des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) beschreibt die aktuelle Lage, konkreten Folgen und hohen Herausforderungen. Laut der Studie melden die Betriebe mehr Personalengpässe als vor der Corona-Krise.

Der Fachkräftemangel in den Betrieben ist zurück – schneller und in größerem Umfang als von vielen erwartet, so die Ergebnisse des DIHK-Reports Fachkräfte 2021. Laut der Studienautoren ist bei den Arbeitskräften der Zenit erreicht. In den kommenden Jahren werde es für die Unternehmen ein immer mühsameres Geschäft, sich gegen die Fachkräfteengpässe zu stemmen. Zur Energiewende geselle sich für die Betriebe nun auch die Herausforderung einer Fachkräftewende.

Nun fehlt nicht (nur) das Geld, sondern auch der Mensch

Der Report beruht auf den Antworten von rund 23.000 Unternehmen. 51% davon können offene Stellen zumindest teilweise nicht besetzen, weil sie keine passenden Arbeitskräfte finden. Das bedeutet nicht nur einen immensen Zuwachs gegenüber Herbst 2020 – damals hatten lediglich 32% der Unternehmen von Fachkräfteengpässen berichtet –, sondern auch ein Plus gegenüber der Lage vor der Corona-Krise: Im Herbst 2019 hatten „nur“ 47% der Betriebe Schwierigkeiten bei der Akquise neuer Mitarbeitender.

Zu den Knappheiten bei Rohstoffen und Vorprodukten sowie Lieferkettenproblemen kommen immer häufiger Engpässe bei Fachkräften hinzu – eine zusätzliche Herausforderung auch für die Umsetzung zentraler gesellschaftlicher Zukunftsaufgaben wie Digitalisierung, Klimawandel oder E-Mobilität. Im Zweifel fehlt nicht (nur) das Geld, sondern auch der Mensch. Und da dieser Fachkräftemangel natürlich auch die öffentliche Verwaltung betrifft, erschwert das über längere Genehmigungsverfahren den Betrieben zusätzlich das Leben, beschreiben die Studienautoren die Lage.

Größte Engpässe am Bau, steilster Anstieg in der Industrie

Insofern ist angesichts der Investitionsbedarfe in der öffentlichen Verkehrs- und Kommunikationsinfrastruktur problematisch: Die größten Lücken bei qualifiziertem Personal meldet mit 66% der Betriebe die Bauwirtschaft. Den stärksten Anstieg der Stellenbesetzungsprobleme gegenüber dem Vorjahr gibt es unter den Industrieunternehmen mit nun 53% nach 29% im Herbst 2020. Dabei lässt der besonders hohe Anteil von 57% bei den Investitionsgüterproduzenten wie etwa dem Maschinenbau befürchten, dass sich auch dadurch der Investitionsstau in Deutschland weiter verschärft.

Besonders und zunehmend gefragt: beruflich Qualifizierte

Nach Einschätzung der Studienautoren ist der Fachkräftemangel ein ernstzunehmendes Geschäftsrisiko für viele Betriebe. Problematisch ist auch der Rückgang der Ausbildungsverträge um rund 8% gegenüber dem Vorjahr. Denn: Aktuell suchen 57% der Unternehmen, die Stellen nicht besetzen können, erfolglos Mitarbeitende, die eine duale Berufsausbildung absolviert haben. Im Herbst 2018 hatten noch 49% der Befragten Engpässe in diesem Bereich gemeldet.

Auch Absolventinnen und Absolventen von Weiterbildungen etwa zum Meister oder Fachwirt sind gefragt – hier berichten 36% der Unternehmen mit Stellenbesetzungsproblemen von einer erfolglosen Suche –; bei Hochschulabsolventinnen und -absolventen gibt es Engpässe vor allem in den MINT-Berufen.

Wie die Unternehmen gegensteuern

Auf den Fachkräftemangel reagieren 53% der Unternehmen mit Aktivitäten in Richtung einer höheren Arbeitgeberattraktivität, 46% wollen die eigene Ausbildung intensivieren, um perspektivisch die Fachkräftebasis zu sichern. Platz drei der möglichen Maßnahmen teilen sich mit je 34% Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie die Zuwanderung von Fachkräften aus dem Ausland.

Nicht zuletzt möchte etwa jedes dritte Unternehmen mit Stellenbesetzungsproblemen in Weiterbildung allgemein, 29% speziell in Mitarbeiterkompetenzen zur Bewältigung von Digitalisierung beziehungsweise Strukturwandel investieren, und mehr als jeder vierter Betrieb sieht einen Ansatz in der verstärkten Beschäftigung älterer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Gravierende Folgen für Einzelbetriebe und Gesamtwirtschaft

Insgesamt erwarten 85% der Unternehmen negative Auswirkungen von dem wachsenden Fachkräftemangel. 61% der Betriebe sorgen sich um eine Mehrbelastung ihrer Belegschaften, 58% erwarten als Folge von Engpässen steigende Arbeitskosten – eine Entwicklung, die die anziehende Inflation noch weiter befeuern könnte. Und: 43% der Unternehmen gehen davon aus, dass sie Aufträge ablehnen oder ihr Angebot reduzieren müssen, weil nötiges Personal fehlt. Das bedeutet einen deutlichen Zuwachs gegenüber 2019 mit damals 39% und lässt weitreichende Konsequenzen erwarten.

Durch Engpässe in einzelnen Bereichen können weite Teile der Wirtschaft in Mitleidenschaft gezogen werden, warnen die Autoren der Analyse. Fehlen z.B. IT-Experten, betreffe dies auch Mittelständler, die Geschäftsprozesse digitalisieren oder sich um eine bessere Cybersicherheit kümmern möchten. Fehlen Lkw-Fahrer, könnten industrielle Produktionsprozesse ins Stocken geraten, weil Vorprodukte nicht rechtzeitig geliefert werden, und fehlen Fachkräfte etwa zur Verlegung von Glasfaserkabeln, verlangsame sich der dringend erforderliche Ausbau der Breitband-Infrastruktur. Es gebe also nicht nur Lieferprobleme in der Wertschöpfungskette, sondern auch Fachkräfteprobleme in der Wertschöpfungskette, so die Studie.

Das schmälert auch die Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft. Davon sind vor allem innovationsaktive Wirtschaftszweige wie etwa Kfz- und Kfz-Teile-Hersteller (35%), Programmierer oder die Medizintechnik (je 37%) betroffen.

Wachstumsbremse drückt empfindlich aufs Bruttoinlandsprodukt

Insgesamt liegt die Zahl der aktuell nicht besetzten Stellen dadurch wohl eher bei 1,7 bis 1,8 Millionen, so die Einschätzung der Studienautoren. Das bremse die Wertschöpfung grob geschätzt um rund 90 Mrd. EUR – also circa 2,5% des Bruttoinlandsproduktes. Damit erweise sich der Fachkräftemangel als enorme Wachstumsbremse.

Der DIHK empfiehlt deshalb unter anderem, die Allianz für Aus- und Weiterbildung fortzusetzen, damit dem Arbeitsmarkt kein Jugendlicher verlorengeht, eine systematische und praxisnahe Berufsorientierung zu stärken sowie die technische Ausstattung sowie die Arbeits- und Lernbedingungen in den Berufsschulen zu verbessern. Zudem sollte aus Sicht der Betriebe z.B. die Vereinbarkeit von Familie und Beruf weiter gestärkt und die Regeln zur Fachkräftezuwanderung erleichtert werden.

Sie finden die kompletten Umfrageergebnisse des „DIHK-Fachkräftereport 2021“ hier zum Download.

(Pressemitteilung Deutscher Industrie- und Handelskammertag vom 22.11.2021)


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