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Weltweite Insolvenzstudie: In vier von fünf Ländern für 2020 mehr Pleiten erwartet


Laut einer Studie sollen die weltweiten Insolvenzen 2020 um weitere 6% ansteigen. Ursachen sind die schwächelnde Weltwirtschaft, politische Unsicherheiten und Handelskonflikte. | © BillionPhotos.com / fotolia.com

Neues Jahr, neues Glück? Was die Entwicklung von Exportrisiken und weltweiten Insolvenzen angeht, ist auch 2020 keine Trendwende in Sicht. Die weltweiten Pleiten sind weiter auf dem Vormarsch – zum vierten Mal in Folge. Zu diesem Schluss kommt eine Studie des Kreditversicherers Euler Hermes. Die Studienautoren gehen davon aus, dass 2020 weltweit rund 6% mehr Insolvenzen mit sich bringt. Das bedeutet zwar eine etwas langsamere Zunahme als noch 2019 (+9%), allerdings dafür praktisch überall auf der Welt.

In vier von fünf Ländern steigen 2020 voraussichtlich die Pleitefälle an, prognostiziert die Studie. 2019 sei der Zuwachs zwar insgesamt höher gewesen, aber dafür seien im vergangenen Jahr nur zwei von drei Länder von steigenden Insolvenzen betroffen gewesen. Das bedeute, dass Exportrisiken praktisch überall lauern würden.

Anhaltende Konjunkturschwäche, politische und soziale Unsicherheiten

Die Ursachen für den anhaltenden Anstieg der weltweiten Insolvenzen sieht Euler Hermes dabei in der anhaltenden Konjunkturschwäche, insbesondere in den Industriestaaten und dem produzierenden Gewerbe. Die schwache Nachfrage hat die Lagerbestände vielerorts steigen lassen und zu Überkapazitäten geführt, vor allem in der Automobilindustrie. Auch die weiter nachhallenden Folgen aus Handelskonflikten, politischen Unsicherheiten und sozialen Spannungen werden die Unternehmen 2020 in Atem halten.

Beim schwächelnden Welthandel sehen die Studienautoren 2020 keine wirkliche Entspannung. Mit +1,7% dürfte das Wachstum in diesem Jahr eher mager ausfallen. Protektionismus sei das neue Normal, auf das sich Unternehmen einstellen müssten. Zwar würden Betriebe weiterhin von der anhaltend expansiven Geldpolitik profitieren – allerdings müssten sie sich im Gegenzug auf einen stärkeren Preiskampf durch die schwache Nachfrage einstellen. Teilweise kämen höhere Material- und Produktionskosten hinzu, die an die Margen gehen. Die hohen Fixkosten und Lagerbestände seien für manche Unternehmen eine schwere Last, der in einer Vielzahl von Ländern nicht alle standhalten können.

China weiterhin im Keller – aber rote Laterne geht erstmals an Chile mit 21% Zuwachs

Nach Einschätzung der Studie wird China 2020 die rote Laterne nach drei Jahren an Chile weiterreichen. Für Südamerikaner dürften im laufenden Jahr Insolvenzen um 21% zunehmen. Nach Chile, der Slowakei (+12%) und Indien (+11%) ist China allerdings auch weiterhin am ganz unteren Ende des Rankings zu finden. Im Reich der Mitte erwarten die Volkswirte für 2020 eine weitere Pleitewelle und einen Anstieg der Fallzahlen um erneut 10% (nach einem bereits massiven Anstieg um rund 20% im vergangenen Jahr), ebenso wie in Singapur (+10%) und Hongkong (+9%).

Europa: Verbreitet mehr Insolvenzen – auch in Deutschland

Auch in Westeuropa steigen die Insolvenzen 2020 laut der Studie um voraussichtlich 3% an (2019: 2%). Viele Länder wachsen in Zeiten der Konjunkturflaute langsamer, als es notwendig wäre, um die Insolvenzen stabil zu halten. In Westeuropa hat sich in der Vergangenheit gezeigt, dass diese Schwelle bei einem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von rund 1,7% liegt. Zum Insolvenzanstieg in Europa tragen demnach insbesondere Dänemark (+6%), Spanien, die Niederlande und Irland (jeweils +5%) sowie Italien (+4%) bei. Aber auch Großbritannien sieht im Brexit-Sog einen erneuten Zuwachs von rund 3% bei den Pleiten entgegen. Erstmals reiht sich nach zehn Jahren voraussichtlich auch Deutschland wieder in diesen Reigen ein, mit ebenfalls 3% mehr Pleiten als noch im vergangenen Jahr, so die Untersuchung. Rühmliche Ausnahme in Europa sind ausgerechnet die französischen Nachbarn, für die die Volkswirte 2020 nach langen wirtschaftlich eher schwierigen Zeiten eine Stagnation der Insolvenzen prognostizieren, so die Einschätzung der Studienautoren.

Es gibt drei Gründe, warum Frankreich plötzlich mit vorne liegt, stellt die Untersuchung fest. Zum einen habe das Land wichtige ökonomische Entscheidungen getroffen. Zum anderen zahle sich das rund 17 Mrd. € schwere Konjunkturpaket mit Steuererleichterungen für Rentner aus, das Präsident Macron im vergangenen Jahr auf den Weg gebracht hat, um die Gelbwesten wieder von der Straße zu holen. Dies habe den privaten Konsum angekurbelt. Zu guter Letzt profitiere die französische Wirtschaft in Zeiten von Handelskonflikten und schwächelndem Welthandel auch von einer weitaus geringeren Exportabhängigkeit als beispielsweise Deutschland.

Brasilien schafft Trendwende und mausert sich zum Klassenprimus

Auch weltweit ist der Klassenprimus bei der Insolvenzentwicklung durchaus überraschend: Für Brasilien erwartet Euler Hermes gegen den weltweiten Trend voraussichtlich 3% weniger Pleiten als 2019, gleichauf mit Ungarn (-3%). Auch Griechenland und Litauen (jeweils -2%) sowie Neuseeland, Polen, Norwegen, Luxemburg und eben Frankreich (alle 0%) können sich der allgemeinen Entwicklung entziehen.

Die USA und Kanada verzeichnen 2019 und auch 2020 hingegen eine Trendwende ins Negative, so die Studie. Seit 2010 waren die Pleiten in den USA jedes Jahr rückläufig. Erst 2019 und 2020 komme es hier mit +3% und +4% wieder zu einem Zuwachs. In Kanada zeigten Insolvenzen sogar bereits seit 2002 einen stetigen Abwärtstrend vor dem nun erwarteten Anstieg um jeweils 5% im Jahr 2019 und 2020.

Großinsolvenzen: Umsätze und damit Schäden für die Lieferkette steigen drastisch an

Beunruhigend ist nach Aussage der Studienautoren auch die Entwicklung bei den Großinsolvenzen bei Unternehmen mit einem Umsatz oberhalb der 50-Mio.-€-Grenze. In den ersten neun Monaten 2019 sind diese weltweit zwar im Vergleich zum Vorjahreszeitraum (248) nur um einen Fall auf 249 gestiegen. Allerdings sind die Umsätze der insolventen Großunternehmen auf über 145 Mrd. € geklettert. Damit liegen diese mehr als 39 Mrd. EUR und rund 38% höher als noch im Vergleichszeitraum des Vorjahres.

Der Dominoeffekt bei Großinsolvenzen auf die Lieferkette ist meist sehr groß, stellen die Studienautoren fest. Je höher die Umsätze der Pleitekandidaten, desto größer die Schäden bei den einzelnen Lieferanten. Deshalb sollte man sich von großen Namen nicht täuschen lassen. Gerade in Deutschland habe es zuletzt zahlreiche namhafte Großunternehmen getroffen, manche von ihnen bereits zum zweiten Mal. Der Anstieg der großen Insolvenzen lag in Deutschland in den ersten neun Monaten bei 42% im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Bei den Umsätzen war der Anstieg mit +81% auf rund 339 Mio. € noch dramatischer.

Die vollständige Studie zur Entwicklung der weltweiten Insolvenzen steht hier zum Download. Die Analyse zur Entwicklung der Großinsolvenzen in Deutschland finden Sie hier.

(Pressemitteilung Euler Hermes Deutschland vom 09.01.2020)


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