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Wie Innovation in Deutschland gefördert werden kann


"Deutschland braucht einen Schub im Bereich Wagniskapital – und das substanziell", sagt David Rhotert, Gründer und Geschäftsführer der Crowdinvesting-Plattform Companisto. | © David Rhotert

Wagniskapital ermöglicht Innovationen und fördert Unternehmertum. Gerade Startups, junge Unternehmen also, haben in der Gründungsphase Kapitalbedarf. Deutschland droht in diesem Bereich den Anschluss an Europa zu verlieren. Die Bundesregierung hat mit dem INVEST-Zuschuss erste Maßnahmen ergriffen, um das zu ändern. Doch sie erzielen noch nicht den gewünschten Effekt.

Wagniskapital fördert Innovationen und Unternehmertum. Ohne eine lebhafte Gründerszene, die immer wieder innovative Geschäftsmodelle hervorbringt, bleibt eine Volkswirtschaft auf Dauer nicht wettbewerbsfähig. Denn jede Volkswirtschaft muss sich immer wieder neu erfinden, weil die Digitalisierung bewährte Geschäftsmodelle auf den Kopf stellt. Wenn jedoch durch die Gesellschaft nicht genügend Kapital für neue Ideen bereitgestellt wird, ziehen andere Volkswirtschaften im Innovationswettkampf an uns vorbei. Sie besetzen die Schlüsselmärkte der Zukunft.

Warum Wagniskapital wichtig für Deutschland ist

Dieser Innovationswettbewerb wird nicht nur durch die Forschungsabteilungen von großen Unternehmen voran getrieben, sondern gerade auch von Startups. Sie greifen neue Technologien oft als erstes auf und entwickeln daraus marktreife Produkte. Die Gründer sehen sich jedoch besonders in der Frühphase mit dem Problem konfrontiert, ausreichende Finanzmittel für ihre neuen Geschäftsideen zu akquirieren. Wagniskapital ist hier entscheidend.

Doch die Wagniskapital-Investitionen in Europa waren im letzten Jahr rückläufig, wie aus dem aktuellen Startup-Barometer von Ernst & Young (E&Y) hervorgeht. Demnach fiel der Gesamtwert der VC-Investitionen europaweit um 11 Prozent. Deutschland verzeichnete sogar einen Rückgang von 30 Prozent. Auch Berlin fiel im Vergleich der europäischen Startup-Metropolen auf den vierten Platz zurück – hinter London, Paris und Stockholm.

Deutschland fällt im Innovationswettbewerb zurück

In konkreten Zahlen: Im Jahr 2016 wurden nur noch rund 190 Millionen Euro in Startups investiert. Ein Jahr zuvor waren es noch rund 4 Millionen Euro mehr, wie aus einer Erhebung des Bundesverbands Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften e.V. (BVK) hervorgeht. Wachstumsfinanzierungen (Growth) und weitere Minderheitsbeteiligungen (Replacement, Turnaround) lagen im Jahr 2016 insgesamt bei 450 Millionen Euro und blieben damit deutlich hinter der Vorjahreszahl von 930 Millionen Euro zurück.

Neben der klassischen Wagniskapitallücke, mit der sich Gründer in der Anfangszeit konfrontiert sehen, gibt es in Deutschland eine Investitionslücke in den Later-Stage-Phasen. Das liegt vor allem daran, dass die Venture-Capital-Landschaft (VCs) in Deutschland noch nicht so ausgeprägt ist wie in den USA und Großbritannien. Hier gibt es also großen Nachholbedarf.

Mehr ausländische VCs werden in Deutschland aktiv

Ausländische VCs nutzen die Chance, um zu günstigen Konditionen in einen Markt einzusteigen, der eine ähnliche Qualität an Geschäftsideen und eine hohe Rechtssicherheit bietet. Im letzten Jahr haben diese VCs ihren Einsatz in Deutschland nahezu verdoppelt, während die Investitionen inländischer VCs stagnieren. „Deutsches Wagniskapital bleibt trotz der Niedrigzinsphase Mangelware“, beklagte jüngst Michael Brandkamp, Geschäftsführer des High-Tech Gründerfonds (HTGF) gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ).

Laut einer Statistik des BVK wurde 2014 in Deutschland Wagniskapital in Höhe von 671,3 Millionen Euro investiert. Das entspricht etwa 0,02 Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts (BIP). Zieht man die Länder zum Vergleich heran, mit denen Deutschland im direkten Innovationswettbewerb steht, wird der große Rückstand offensichtlich: Deutschland liegt weit abgeschlagen hinter Israel (0,39% des BIP), USA (0,17%), Schweden (0,066%), Großbritannien (0,038%) und Frankreich (0,029%).

Auch in Europa hinkt Deutschland der Konkurrenz weit hinterher, wie aus den Statistiken der European Venture Capital Association (EVCA) hervorgeht. Deutschland liegt hier nicht nur hinter dem europäischen Durchschnitt (0,024% des BIP), sondern auch hinter zwölf anderen Nationen. Schweden belegt den Spitzenplatz bei VC-Investitionen (0,066%), gefolgt von Finnland (0,060%), Irland (0,049%), Großbritannien (0,038%) und der Schweiz (0,031%).

Bundesregierung hat Nachholbedarf im VC-Bereich erkannt

Deutschland braucht also einen Schub im Bereich Wagniskapital – und das substanziell. Doch eine dynamische Wagniskapital-Branche entwickelt sich nicht in wenigen Jahren, sondern ist das Ergebnis jahrelanger strategischer Schritte. Auch die Politik ist hier gefragt, die notwendigen Weichen frühzeitig zu stellen, damit Deutschland den Anschluss an die Weltspitze nicht verpasst.

Die Bundesregierung hat dieses Defizit bereits erkannt und entsprechende Maßnahmen eingeleitet. Im Jahr 2013 startete das Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie den INVEST-Zuschuss: Mit dem Zuschuss sollen junge, innovative Unternehmen bei der Suche nach einem Kapitalgeber unterstützt und private Investoren motiviert werden, mehr Wagniskapital zur Verfügung zu stellen. Der Zuschuss hat das Potential, die erwähnte Wagniskapitallücke in Deutschland zu schließen, um so auch mehr Investoren die Teilhabe an neuen Unternehmensideen zu ermöglichen.

INVEST-Programm hat knapp 42 Millionen Euro als Investitionszuschuss bewilligt

Dass hier erhebliches Potenzial vorhanden ist, dies dokumentieren Zahlen des Bundesamts für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (Stand 31.12.2016): Seit dem Start des INVEST-Zuschusses im Mai 2013 konnten insgesamt 210 Millionen Euro Risikokapital für Startups „gehebelt“ werden, da Investitionen ab 10.000 Euro durch Gelder aus dem Programm ergänzt werden und die Förderfähigkeit geben war. Durch das INVEST-Programm wurden mittlerweile knapp 42 Millionen Euro als Investitionszuschuss bewilligt. Hinter dem Zuschuss, der Business Angels Investments in innovative Startups mit 20 Prozent fördert, stehen somit insgesamt 170 Millionen Euro an Kapital, das durch private Investoren in Startups geflossen ist.

Dennoch haperte es noch im Detail: Daten zeigen, dass der Investitionszuschuss bislang nur zu etwa 25 Prozent in Anspruch genommen wurde. In den drei Jahren seit dem Start, konnten nur 2.200 Anträge auf eine INVEST-Förderung bewilligt werden. Knapp 75 Prozent (115 Millionen Euro), sind bisher ungenutzt geblieben. Dies ist viel zu wenig, um den sehr positiven Grundgedanken des INVEST-Zuschusses verwirklichen zu können: Die Gesellschaft motivieren, Mittel für mehr Innovation bereit zu stellen.

INVEST-Zuschuss erzielt bisher nicht den gewünschten Effekt

Der INVEST-Zuschuss in seiner bisherigen Form erzielt bisher also noch nicht die benötigten Impulse für unseren Venture-Capital-Sektor. Zwar wurden erste Verbesserungen im Programm vorgenommen, die seit Anfang des Jahres gelten – und dies dürfte die Zahl der Anträge auch weiter steigern. Doch eine entscheidende Gruppe von privaten Wagniskapitalgebern wird bei der Förderung bislang vollkommen übersehen – die Crowd.

Über Crowdinvesting (zu Deutsch: Schwarmfinanzierung) ist es seit einigen Jahren auch Kleinanlegern möglich, die deutsche Gründerszene mit Wagniskapital zu unterstützen und zugleich an einem Markt zu partizipieren, der ihnen bisher verschlossen war. Sie steigen ebenso wie klassische Business Angels oder Venture-Capital-Geber in Frühphasen in junge Unternehmen ein.

Schwarminvestoren unterstützen Gründertum

Die Schwarminvestoren leisten somit einen entscheidenden Beitrag, um die Wagniskapitallücke weiter zu schließen. Seit Markteinführung im Jahr 2011 wurden über Crowdinvesting-Plattformen rund 70,5 Millionen Euro in Startups und Wachstumsunternehmen investiert, wie aus Erhebungen des Informationsportals Crowdinvest.de hervorgeht. Etwa drei Viertel dieses investierten Kapitals sind nach wie vor aktiv.

Allein bei Companisto, der marktführenden Plattform für Schwarmfinanzierungen in der DACH-Region, sind über 67.000 Investoren angemeldet. Seit dem Start von Companisto im Jahr 2012 wurden über 36 Millionen Euro Wagniskapital in Startups und Wachstums-unternehmen investiert. Dies entspricht beinahe dem gesamten bisher über das INVEST-Programm investierten Wagniskapital.

Teilhabe an Innovation für alle ermöglichen

Dennoch haben diese privaten Anleger, die über Internetplattformen in Startups investieren, kein Anrecht auf den INVEST-Zuschuss. Dabei handelt es sich bei den Schwarminvestoren um die am schnellsten wachsende Gruppe von Privatinvestoren in Deutschland im Bereich privates Wagniskapital. Wenn es die Politik wirklich ernst damit meint, die Kluft im Innovationswettbewerb zur Weltspitze zu schließen und eine konkurrenzfähige Wagniskapital-Branche in Deutschland aufzubauen, sollte sie diese engagierte Gruppe von privaten Investoren noch besser fördern. Denn auch so ist Teilhabe an Innovation für alle möglich.

(Autor: David Rhotert, Gründer und Geschäftsführer der Crowdinvesting-Plattform Companisto)


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