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Working Capital-Performance 2016 wieder verschlechtert


Bei europäischen Großunternehmen bleibt ein Liquiditätspotential von über einer Bllionen Euro ungenutzt. | © Coloures-pic/fotolia.com

Bei Europas Großunternehmen bleiben durch ineffizientes Working Capital-Management 1046 Milliarden € an Liquidität ungenutzt. Davon entfallen  245 Mrd. € auf deutsche Unternehmen. Zwischen Spitzenunternehmen und dem Durchschnitt in Deutschland ist die Kluft hinsichtlich der Working Capital-Performance immer noch groß.

Gegenüber dem Vorjahr verschlechterte sich die Working Capital Performance deutscher Großunternehmen im Geschäftsjahr 2016 wieder etwas: Die in einer aktuellen REL-Studie (ein Unternehmen der internationalen Hackett Group) analysierten 132 produzierenden deutschen Unternehmen (ohne Finanzbereich) wiesen 2016 eine Kapitalbindungsdauer (Cash Conversion Cycle, CCC) von durchschnittlich 48,2 Tagen gegenüber dem Vorjahr mit 46,3 Tagen auf. Die in der Studie untersuchten 25 produzierenden DAX-Unternehmen verschlechterten 2016 ihren CCC-Wert sogar von 49,7 Tagen (2015) auf 55 Tage und wiesen damit im Vergleich zum gesamten deutschen Unternehmensdurchschnitt eine um 6,8 Tage höhere Kapitalbindungsdauer auf.

Hohes Liquiditätspotenzial bleibt ungenutzt

Insgesamt, das ergab die aktuelle Working Capital-Studie von REL, in der exakt 1000 europäische Unternehmen (ohne Finanzsektor) untersucht wurden, liegen rund 1046 Milliarden Euro an Liquiditätspotential brach – 2015 waren es dazu im Vergleich noch knapp rund  981 Milliarden Euro. Die Verschlechterung um 3,6 Prozent lag vor allem daran, dass die europäischen Großunternehmen ihren DIO-Wert, der die Bestandsreichweite in Tagen angibt, um 9,1 Prozent und ihren DSO-Wert (Forderungsreichweite in Tagen) um 5,9 Prozent erhöhten.  Diese Verschlechterung wurde nur zum Teil durch die Verbesserung ihres DPO-Verhaltens (Reichweite eigener Verbindlichkeiten in Tagen) um 10,1 Prozent kompensiert: Sie zahlen später und treiben auch ihre Forderungen später ein.

Weiteres Ergebnis der REL-Studie: Durch eine Optimierung der Kenngrößen CCC, DIO (Bestandsreichweite, Lagerhaltung), DSO und DPO könnten auch deutsche Unternehmen erhebliche Liquidität erschließen. Bei den 132 untersuchten deutschen Großunternehmen liegt dieses Potenzial 2016 bei 245 Milliarden Euro (2015: 226 Mrd.) und bei den 25 DAX-Unternehmen beträgt die brachliegende Liquidität immerhin noch 162 (2015: 165 Mrd.) Milliarden Euro. Die leichte Verbesserung der DAX-Unternehmen liegt nicht zuletzt an ihrer starken Verbesserung des DPO-Wertes.

Deutsche Unternehmen im internationalen Vergleich abgeschlagen

Im europäischen Vergleich der Working Capital Performance liegen die deutschen Unternehmen aber immer noch weit abgeschlagen: Der europäische Durchschnitt der 1000 untersuchten Großunternehmen brachte es 2016 auf einen CCC-Wert von 40,4 Tagen. Damit ist er um 7,8 Tage besser als der Durchschnitt deutscher Unternehmen mit 48,2 Tagen. Die Gründe dafür sieht Paul Moody, bei REL Managing Director DACH „in den extrem günstigen Krediten, durch die eine Optimierung des Umlaufvermögens zweitrangig wurde.“  Moody weiter : „Die europäischen Unternehmen bezahlten 2016  ihre Rechnungen überwiegend im Schnitt nach 72,0 Tagen, die deutschen Unternehmen bereits nach 56,5 und DAX-Unternehmen nach  57,0 Tagen. Ein weiterer, wichtiger Faktor: Die deutschen Unternehmen stehen in Europa einzig da, was die Mischung der sehr kapitalintensiven Produktion und die Fertigungstiefe angeht. Das aber bedingt auch eine intensive und auf größere zeitliche Reichweite ausgelegte Lager- und Vorratswirtschaft, die mehr und länger Kapital bindet.“

Die DPO-Werte der DAX-Unternehmen erklärt Paul Moody so: „Die DAX-Companies können aufgrund ihrer finanziellen Kraft relativ schnell zahlen und sich dadurch attraktive Skonti sichern. Die anderen deutschen Unternehmen generieren mit Hilfe der längerfristigen Zahlungsziele günstige Kreditlinien.“ Aber, so relativiert Paul Moody die Ergebnisse der Studie im gleichen Atemzug: „Trotz der ungünstigen Working Capital Performance  waren die deutschen und die DAX-Unternehmen auch 2016 führend, was Wachstum, Rentabilität, Gewinne und Exporterfolge anging. Aber bei verschlechterten Rahmenbedingungen und einer neuerlichen Finanz- und Wirtschaftskrise kann sich die gegenüber der europäischen Konkurrenz schlechtere Working-Capital-Performance aber durchaus als kritischer Wettbewerbsnachteil auswirken.“

Wie breit gefächert das Liquiditätspotential bereits erschlossen oder noch erschließbar ist, zeigt ein Blick auf einige Protagonisten deutscher Schlüsselindustrien:

Autofirmen: Spitzenreiter unter den deutschen Unternehmen ist Audi mit einer Kapitalbindungsdauer von 29 Tagen (entspricht exakt dem europäischen Durchschnitt), gefolgt von BMW mit 30 Tagen. Volkswagen hat einen CCC-Wert von 59 Tagen, Daimler bildet das Schlusslicht mit 71 Tagen.

Mischkonzerne: Hier liegt Thyssen-Krupp mit einem CCC-Wert von 58 weitaus besser als der europäische Durchschnitt mit 90 Tagen;  Siemens dagegen hat eine Kapitalbindungsdauer von 135 Tagen

Chemie: Auch bei dieser Branche gibt es erhebliche Unterschiede: Die Covestro AG weist 61 Tage als CCC-Wert auf, die BASF SE hat eine Kapitalbindungsdauer von 125 Tagen und die Wacker Chemie AG  liegt bei 100  Tagen.

Energieunternehmen: In dieser Branche lag 2016 der europäische Durchschnittswert der Kapitalbindungsdauer bei 20 Tagen. Die RWE AG erreichte 2016 dagegen einen CCC-Wert von nur 8 Tagen, während die EON SE 2016 eine Kapitalbindungsdauer von 25 Tagen aufweist.

Maschinenbau: Hier liegen manche deutsche Firmen besser als der europäische Durchschnitt, der einen CCC-Wert von 114 Tagen hat. So liegt die Kapitalbindungsdauer der Deutz AG bei 66 Tagen. Dagegen beträgt der CCC-Wert der  Krones AG 170 Tage.

Dass Liquiditätspotentiale generell erfolgreich und konsequent genutzt werden können belegt die REL-Studie eindrucksvoll: In Deutschland erreichen die Spitzenunternehmen des statistischen 1. Quartils einen CCC-Wert von 19,6 Tagen gegenüber dem Mittelwert aller produzierenden deutschen Unternehmen von 58,6 Tagen, sie liegen also um 67 Prozent besser. Wie das möglich ist, zeigen die Einzelbereiche: Die Topunternehmen zahlen ihre Zulieferer nach 70,6 Tagen, der Durchschnitt schon nach 55,4 Tagen, sie treiben ihre Forderungen um rd. 16Tage schneller ein als der Durchschnitt und halten ihre Lagerbestandsreichweite bei 25,3 Tagen, während der Mittelbereich die Lager für 68,2 Tage bevorratet.

(Pressemitteilung REL vom 28.07.2017)


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