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Zahl der Gewinnwarnungen auf Rekordniveau – Autoindustrie am stärksten betroffen


Erstmals seit dem Jahr 2014 lag die Zahl der Unternehmen, die ihre eigenen Ziele verfehlten, höher als die Zahl derer, die sich besser als angekündigt entwickelten: Insgesamt 125 positive Gewinn- oder Umsatzerwartungen wurden veröffentlicht – weniger als im Vorjahr, als noch 137 Mal die Prognosen nach oben korrigiert wurden. | © Jamrooferpix/fotolia.com

Die Zahl der Gewinn- und Umsatzwarnungen hat in Deutschland im vergangenen Jahr einen neuen Höchststand erreicht: Die 306 im Prime Standard gelisteten Unternehmen veröffentlichten insgesamt 171 Gewinn- oder Umsatzwarnungen – ein Anstieg um 25% gegenüber dem Vorjahr. Nur im DAX ging die Zahl der Warnungen zurück: von 16 auf 11. In den übrigen Indizes wurde hingegen deutlich häufiger vor schlechten Zahlen gewarnt als im Vorjahr. Das sind Ergebnisse einer Studie der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY, die veröffentlichungspflichtige Korrekturen an Gewinn- und Umsatzprognosen seit dem Jahr 2011 untersucht.

Erstmals seit dem Jahr 2014 lag die Zahl der Unternehmen, die ihre eigenen Ziele verfehlten, zudem höher als die Zahl derer, die sich besser als angekündigt entwickelten, stellt die Studie fest. Insgesamt 125 positive Gewinn- oder Umsatzerwartungen wurden veröffentlicht – weniger als im Vorjahr, als noch 137 Mal die Prognosen nach oben korrigiert wurden.

171 negative Prognosekorrekturen im Jahr 2019

2019 war ein sehr schwieriges Jahr für viele deutsche Unternehmen. Die Aussichten waren zwar ohnehin nicht übermäßig positiv – tatsächlich entwickelten sich die Geschäfte laut der Studienautoren aber vielfach noch schlechter als erwartet. Die weltweite Konjunktur habe deutlich an Kraft verloren und der amerikanisch-chinesische Handelskonflikt sorgte an den Börsen für zusätzliche Unsicherheit.

Bemerkenswert sei allerdings die immer noch recht hohe Zahl an Aufwärtskorrekturen. Die Industrie steht zwar enorm unter Druck, auf der anderen Seite machen aber beispielsweise Immobilienunternehmen, Pharmakonzerne und spezialisierte Technologieunternehmen nach wie vor gute Geschäfte und übertreffen sogar ihre eigenen Prognosen, stellt die Analyse fest. Es sei also nach wie vor keine flächendeckende Krise zu sehen.

Autobranche leidet am stärksten

Die meisten Warnungen kamen der Studie zufolge im vergangenen Jahr aus der Automobilbranche. Zehn der zwölf börsennotierten Autokonzerne bzw. -zulieferer mussten ihre Prognosen nach unten korrigieren. Die weltweite Autokonjunktur entwickle sich schwach, die technologischen Herausforderungen seien enorm. Besonders die Jahre 2020 und 2021 werden laut der Studieautoren eine erhebliche Herausforderung für die Branche darstellen, da die ambitionierten CO2-Vorgaben der EU-Kommission erreicht werden müssen – sonst drohen hohe Strafzahlungen. Das Hochfahren der Elektromobilität werde die Autokonzerne Milliarden kosten. Gleichzeitig würden die Nachwehen der Diesel-Krise zu anhaltenden finanziellen Belastungen führen. Neben der Automobilindustrie erwiesen sich Branchen mit engen Verbindungen zur Automobilbranche im vergangenen Jahr als besonders anfällig – so musste gut jedes zweite Chemieunternehmen seine Erwartungen nach unten korrigieren, so ein Ergebnis der Studie.

Gewinnwarnungen lassen Kurse um 7% sinken

Obwohl die Märkte angesichts der konjunkturellen Eintrübung eigentlich auf schlechte Zahlen vorbereitet waren, wirkten sich die Gewinnwarnungen erheblich auf die Kurse aus. Im Durchschnitt sanken die Kurse am Tag der Warnung um7%, die Gewinnziele wurden dabei um durchschnittlich 37% nach unten korrigiert, stellten die Studienautoren fest.

Wenn hingegen Unternehmen ein Übertreffen ihrer Prognosen ankündigten, führte das am Tag der ad-hoc-Meldung im Schnitt zu einem Anstieg des Aktienkurses um 4% – was allerdings auch mit einer deutlich geringeren durchschnittlichen Anhebung des Gewinnziels um 18% korrespondierte.

Neue Risiken drohen

Trotz der Entspannung im chinesisch-amerikanischen Handelskonflikt rechnen die Autoren der Studie mit einer schwachen weltweiten Konjunkturentwicklung im ersten Quartal. Die Ausbreitung des Coronavirus werde neben den humanitären auch erhebliche wirtschaftliche Folgen haben. Der chinesische Markt sei inzwischen sowohl als Produktionsstandort als auch als Absatzmarkt enorm wichtig. Die massiven Maßnahmen der chinesischen Behörden zur Eindämmung der Krise würden die chinesische Wirtschaft bremsen und weltweite Lieferketten unterbrechen. Viele Unternehmen haben die Werksferien verlängert, der Rohstoffbedarf der chinesischen Industrie lässt nach, der Ölpreis sinkt, so die Analyse. Dies werde Folgen haben. China dürfte als Wachstumslokomotive im ersten Quartal ausfallen – das werde auch Europa zu spüren bekommen. Neben dem Transport- und dem Rohstoffsektor stehen auch Unternehmen, für die China ein wichtiger Absatzmarkt ist, vor Problemen, wie z.B. viele Konsumgüterhersteller und die Autobranche, prognostizieren die Experten.

Neue Welle an Gewinnwarnungen wegen Coronavirus befürchtet

Derartige Ereignisse könnten Unternehmen im Erwartungsmanagement gegenüber Analysten und Investoren nur schwer vorhersehen. Im Lauf des Jahres 2020 werde es – je nach weiterer Ausbreitung des Coronavirus – weitere Prognosekorrekturen bei börsennotierten Unternehmen geben. Nicht nur die vergangenen Wochen hätten gezeigt, wie globalisiert und wie anfällig die weltweiten Lieferketten inzwischen sind. Weltweite Lieferketten würden nur funktionieren, wenn alle Rädchen ineinandergreifen. Wenn aber mit China ein wichtiger Produktionsstandort ausfalle, seien die Folgen rasch auch in Europa und Amerika zu spüren – die Teileversorgung stocke, erste Werke auch außerhalb Chinas drosseln die Produktion. Nun werde hektisch nach alternativen Lieferanten gesucht, sofern es überhaupt welche gebe. Nach dem Brexit ist dies ein weiterer Fall, der laut der Studie zu denken geben sollte. Weltweite Lieferketten sollten nicht nur auf Kostenminimierung, sondern auch auf Flexibilität und Belastbarkeit ausgerichtet sein, so das Fazit der Studienautoren.

Die Studie „Prognoseänderungen im Prime All Share 2011 bis 2019“ finden Sie hier zum Download.

(Pressemitteilung EY vom 18.03.2020)


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